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"Wenn Instagram Realität wäre"

Nichts bleibt anonym!

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Aula
Eine mit Menschen gefüllte Aula, jeder kommt und geht, wann er will. Einer nach dem anderen betritt die Bühne und präsentiert seine Fotos. Nichts bleibt anonym ...

Es ist Abend ... Die Aula ist bis zum Anschlag gefüllt, alle Schüler lümmeln desinteressiert auf ihren Stühlen. Doch jetzt gibt es endlich etwas Spannendes zu sehen: Das erste Mädchen schreitet selbstbewusst auf die Bühne und hält ein Foto hoch: Sie ist im Urlaub und leicht bekleidet. Auf den ersten Blick hätte man gar nicht erkannt, das sie es ist, die dort zu sehen ist, aber daran scheinen sich die meisten Zuschauer nicht zu stören. Jubelrufe hallen durch den Raum und Pappschilder mit roten Herzen werden in die Luft gereckt. Mit genugtuendem Lächeln verschwindet das Mädchen wieder, während ein anderes im Publikum weinend zusammenbricht. Doch das bemerken alle anderen nicht: wie gebannt starren sie auf die Bühne und warten auf den nächsten Auftritt. Und endlich geht es weiter: ein kleiner Junge mit Brille präsentiert sein Foto vom letzten Fußballspiel, aber wo bleibt die Reaktion? Nur sein bester Freund schreit stolz durch den Raum: "Du Maschine!" Beschämt versteckt der Kleine sein Bild hinter dem Rücken und rennt zurück hinter den Vorhang. Wie konnte er nur glauben, dass dieses Bild gut ankommen würde? 


Dies fällt aber nicht wirklich auf, denn die Show geht weiter. Ein zweites Mädchen traut sich ihr neuestes Bild vom Picknick aus dem Park vorzustellen. Die Resonanz ist gigantisch: Konfetti fliegt durch die Luft, das Publikum erhebt sich und viele können sich vor Bewunderung gar nicht mehr einkriegen. Doch es gibt auch Abo-Neider unter den Jugendlichen, man erkennt sie an ihren schwarzen Masken, durch die sie wiederrum unerkannt bleiben. Diese stürmen jetzt die Bühne, reißen dem Mädchen ihr Bild aus der Hand und schubsen sie die Treppe runter. Nun befindet auch sie sich im Publikum. Hilflos schaut sie zu, wie ihr Bild verunstaltet wird. Und als sie sich nach dem Leiter der Veranstaltung umschaut, kann sie den eigentlich Verantwortlichen nicht finden. Verzweifelt rennt sie aus der Aula: mit so etwas möchte sie nichts mehr zu tun haben! Zu dem Zeitpunkt weiß sie noch nicht, dass sie ihr Foto am nächsten Tag auf der Schultoilette finden wird ...


Nach diesem Schock versucht ein weiterer Jugendlicher sein Glück. Ahnungslos erwartet das Publikum seine Nummer. Schnellen Schrittes betritt er die Bühne. Unter seinem Arm transportiert er einen Stapel Plakate. In der Mitte der Bühne angekommen, sortiert er hektisch seine Vorbereitungen, räuspert sich ein Mal und zeigt den Zuschauern, was er mitgebracht hat. Mit monotoner Stimme spricht er: "Diese Crème gegen Pickel fettet nicht und ist von Dermatologen getestet worden ..." Würde er mal von der Karteikarte aufschauen und sich an sein Publikum wenden, würde er erkennen, dass die Mehrheit schwerlich ihre Augen offen halten kann, so oft hat sie diese Leier schon ertragen müssen, während die Anderen angespannt zuhören. Doch zufrieden scheinen sie mit seiner Präsentation nicht zu sein ... Buhrufe hallen durch dem Raum. Außerdem Sätze, wie: "Alles für die Quote!" oder "Geldgeil!" Der Junge reißt schockiert seine Augen auf, doch durch die grellen Scheinwerfer wird ihm seine Sicht komplett genommen. Und das wissen auch die Zuschauer. Nach und nach treten ein paar auf die Bühne und flüstern ihm weitere Sprüche ins Ohr. Andere verlassen die Aula, sie werden wohl erst wieder kommen, wenn die Show etwas Besseres zu bieten hat. 


Traurig trottet der Präsentator die Treppen Richtung Ausgang hinunter. Während er sich eine kleine Träne aus dem linken Augenwinkel wischt, wird ihm klar, dass seine Karriere als Bühnenartist hiermit wohl beendet ist.

Geschrieben von:
Viktoria Matthes
Geschrieben am:
Kategorien:
Schülerzeitung