Zeitzeugengespräch mit Freya Klier

„Man muss sich die Geschichten der Einzelnen anhören, um das Prinzip zu begreifen.“

Zeitzeugengespräch Freya KlierSo ähnlich formulierte Freya Klier am letzten Donnerstag, dem 19.01.2012, als sie den Mosbacher Berg zum dritten Mal besuchte. Vier Schulstunden lang  gab die aus der DDR-stammende Autorin und Regisseurin den Schülern aus dem 13. Jahrgang Einblicke in das Leben in der DDR.

Die 1950 in Dresden geborene Frau mit den lockigen, schulterlangen Haaren sprach völlig frei und ehrlich über ihre sehr erschütternden Erlebnisse in der DDR. Anfangs sagte sie, dass der Alltag im Osten immer stärker „durchmilitarisiert“ wurde. In den 50ern, als sie noch ein Kind war, sei ein betrunkener Russe  aus einer in der Nähe von Dresden liegenden Kaserne ausgebrochen. Er sei in eine Bäckerei eingebrochen, um dort mit Heißhunger Torten zu verschlingen, wobei Freya und andere Kinder ihn beobachtet hätten. Auf einmal sei ein Lastwagen vor der Bäckerei erschienen und Soldaten ausgestiegen, welche den Mann auf brutalste Weise zusammengeschlagen hätten. Den Kiefer hätten sie ihm mit einem Karabiner zerschlagen. Der Soldat sei gestorben, aber „bei den Russen spielt ein Menschenleben keine Rolle.“, so Klier.
Des Weiteren habe es in ihrem Kindergarten eine „Stalin- Gedächtnisecke“ gegeben. Für ihre Erzieherinnen, die „Stalin- Verehrerinnen“ und davor „Hitler- Verehrerinnen“ gewesen seien,  sei Stalins Tod das „Unglück schlechthin“ gewesen. Zu meinem Entsetzen  hätten sie zu den Kindern Folgendes gesagt: „Väterchen Stalin ist tot, aber er wird immer in unseren Herzen bleiben.“ „Führerverehrung“ sowie andere Verhaltensmuster aus der Nazizeit seien in der DDR erhalten geblieben und „Gehirnwäsche“ bei einem Kind funktioniere, so die Bürgerrechtlerin trocken.

Daraufhin zeigte die Regisseurin uns einen von ihr konzipierten, authentischen und sehr bewegenden Dokumentarfilm namens „Die Vergessenen.“  Er erzählt die dramatischen und schockierenden Geschichten von vier Flüchtlingen aus der DDR.
Besonders berührend ist die Geschichte der Musikliebhaber und  Geschwister Dorothea und Michael Brox. Beide fühlten sich eingeengt, fuhren  deshalb  1983 mit dem Auto nach Bulgarien. Sie verließen ihr Auto und passierten im Wald einen Zaun mit Signaldrähten. Sie dachten, sie hätten die Grenze überwunden, kurze Zeit später hörten sie jedoch nur noch Schüsse und Hundegebell.  Soldaten fesselten ihre Hände und in diesem entscheidenden Moment wussten sie: „Jetzt ist alles verloren.“ Ihre Hoffnung und Euphorie wurden  zunichte und in diesem  Augenblick wurde ihnen klar „wie perfekt das System organisiert war“. Dieser Satz prägt sich beim Zuschauer ein und anhand dieser Geschichte beginnt man das Überwachungssystem zu verstehen.

Noch entsetzlicher ist die Geschichte von zwei jungen Männern aus Leipzig, die im März 1980 die Flucht wagen wollten, weil sie „keinerlei Verbundenheit mit der DDR verspürten“ und sich deshalb auf den Weg nach Bulgarien machten. Sie passierten die Scheingrenze nach Griechenland und es dauerte einige Zeit, bis die Soldaten die beiden nichtsahnenden Männer entdeckten, verfolgten und beide auf der Stelle ermordeten. Zur Abschreckung wurden beide auf einer Art Trage über einen sich in der Nähe befindenden Dorfplatz gezogen. Es reichte den Soldaten also anscheinend nicht, die Männer zu ermorden, sie mussten sie auch noch demütigen. Ihre Familien wurden nie über die Todesursachen in  Kenntnis gesetzt. Der Film ging einigen Schülern sichtbar unter die Haut, weil er äußerst anschaulich sowie schonungslos zeigt, wie grausam der Überwachungsapparat das Leben mancher Familien zerstörte.

Danach ging die kritische Autorin auf die Mitte 50er sowie 60er Jahre ein. Die 60er bezeichnete sie auf Grund der scharfen Erziehung zum sozialistischen Menschen als „brutalstes Jahrzehnt überhaupt“. Ein Schüler aus dem Publikum fragte die gebürtige Ostdeutsche, wer zu dieser Zeit als asozial bezeichnet wurde und sie antwortete: „Der, der nicht funktionierte, der nicht arbeitete.“ Sie brachte ihre Schilderungen mit folgender Aussage auf den Punkt: „Das Wort Individuum bzw. Individualität verschwindet aus dem Wortschatz im Jahre 1952.

Gegen Ende ihres Vortrages erzählte sie ihre eigene, tragische Familiengeschichte. Ihr Bruder sei eines Tages mit Freunden unterwegs gewesen und jemand hätte Beatles- Texte dabei gehabt. Jedoch war es weder erlaubt, sich in Gruppen unbeaufsichtigt in der Öffentlichkeit aufzuhalten, noch westliche Texte mit sich zu führen. Die Polizei schritt ein, Freyas Bruder wurde die Schulter ausgerenkt und er wurde inhaftiert, weil er es wagte, sich dem System zu widersetzen. Viele Schüler waren sehr erstaunt über die Gründe für eine „Einbuchtung“ im Gefängnis. Später bestellte man ihren Bruder zur Stasi und erklärte ihm dort, dass er sich wegen seiner Haftstrafe ein Musikstudium abschminken könne, allerdings könne er für die Stasi arbeiten und dann stünde seinem Studium nichts im Wege. Ihr Bruder weigerte sich, zitierte Nietzsche vor dem Stasi- Gebäude, forderte lauthals Gerechtigkeit, so Klier.  Anstatt  Gerechtigkeit erhielt er eine Einweisung in die geschlossene Anstalt. Freya Klier sprach über die Sonntage, an denen ihre Familie den Bruder besuchen konnte. Der gut aussehende junge Mann „hing wie alle anderen Patienten da, lallte nur noch und seine Motorik war heruntergeschaltet.“ Um es in meinen Worten zu sagen: Er vegetierte vor sich hin, war körperlich am Leben und innerlich tot. Kurze Zeit später nahm er sich das Leben. 

Darüber hinaus erzählte Freya Klier uns von ihrem Wunsch, Schauspielerin zu werden. In ihrer Schauspielgruppe suchte man sich klassische und antike Stücke aus und ließ beispielsweise Marquis von Prosa aus Don Karlos seinen berühmten Satz „geben Sie Gedankenfreiheit, Sir“ sagen. Sie berichtete, dass sie auch viele schöne Momente mit ihrer Gruppe erlebte und dass die Ausbildung im Osten recht gut gewesen sei und dass man auch „in Diktaturen versucht, was Gutes zu Stande zu bringen.“ Als Freya mit einer schwedischen Theatergruppe zusammenarbeitete, fragte sie einen Schweden, ob er ihr nicht helfen könne, das Land zu verlassen. Nach einigen angespannten Jahren, in denen Freya Klier auf Hilfe aus Schweden hoffte, erreichte sie ein gefälschter Pass in einem Kuvert. In diesem stand, sie solle nach Rostock fahren und auf ein Schiff gelangen, welches nach Schweden fahre. Gesagt, getan. Die Kritikerin schaffte es bis nach Rostock und kämpfte sich dort bis zum Schiff durc

h. Vor lauter Erleichterung heulte sie in ihrer Kabine wie ein Schlosshund los, während sich zwei Schweden an Deck über Freyas gelungene Flucht unterhielten. Die beiden wussten allerdings nicht, dass fast das komplette Personal an Bord zur Stasi gehörte und eine „Stasitante“, wie Freya Klier zu sagen pflegte, die beiden Schweden verstand. Diese meldete ihre Flucht und trug dazu bei, dass Freya  ins Gefängnis kam. 20 Jahre später landete sie erneut im „Stasiknast“ und wurde gegen ihren Willen aus der DDR ausgebürgert.

Zum Schluss fragte jemand aus dem Publikum, wie froh sie jetzt sei in einem freien Land zu leben und sie sagte: „Doll froh.“ Alles in allem zeigte sich in meinen Augen anhand ihres Vortrages, wie wichtig es ist, sich die einzelnen furchtbaren Fälle der Opfer des Überwachungsstaates vor Augen zu führen. Denn mit Hilfe von ihnen kann man die damalige Situation in der DDR besser nachvollziehen. Auch wenn die Bürgerrechtlerin leider nicht immer chronologisch von ihren Erfahrungen erzählte,  was Verwirrung stiftete, lieferte sie uns einen interessanten und spannenden  Einblick in ihre Welt.

Von Kristin Beck, 13a